Hoffnungsthaler Messerwerkstatt
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Fertigung einer Taguanusskette

Auf besonderen Wunsch meiner Freundin Margit beschreibe ich hier den Fertigungsprozess einer Kette aus Taguanuss.

Zunächst zur Nuss selbst.

Nach einschlägiger Literatur ist die Taguanuss der Samen einer Palme, die zu einer der altertümlichsten Palmengattungen gehört. Ihr wissenschaftlicher Name Phytelephas macrocarga bedeutet "Pflanzenelfenbein mit großer Frucht". Die Palmen wachsen vor allem in Ecuador, daneben auch in Panama, Kolumbien, Brasilien und Peru. Die weiblichen Pflanzen produzieren jährlich etwa 20 kopfgroße krustige Fruchtballen, die direkt am Palmenstamm hängen und nur mit Axt oder Machete geerntet werden können. Sie sind in Kammern gegliedert und enthalten, in Fruchtfleisch eingebettet, jeweils mehrere Dutzend Nüsse bis zur Größe eines Hühnereis. Nach der Ernte sind die Nüsse noch weich und enthalten eine weinsaure trinkbare Flüssigkeit. Die zur Verarbeitung ausgesuchten Nüsse werden mehrere Monate an der Sonne getrocknet. Dabei werden sie allmählich fester, bis sie schließlich -und das ist das Besondere an der Steinnuss- durch und durch die Härte von Knochen erreichen. Bis in die 1920er Jahre wurde die Nuss in großen Mengen importiert und zur Fertigung hochwertiger Knöpfe (Steinnussknöpfe) verarbeitet. Die synthetischen und erheblich billigeren Materialien verdrängten die Nuss völlig.

Fruchtstand einer Taguanuss
Während eines Werkstattbesuches hatte Margit sich die nachfolgende Nuss ausgesucht.

Zunächst müssen die dunklen Stellen auf der Schale vorsichtig mit einem Skalpell entfernt werden. Ursprünglich bildeten sie eine zweite Schale, die sich immer nur teilweise löst.
Die Nuss ist fast immer auf einer Seite flacher, auf der Gegenseite runder. Die flache Seite, die bei meiner Kette am Körper anliegen soll, behält die Schale, der Rest muss vorsichtig am Tellerschleifer entfernt werden.
Dabei wird die Nuss dann noch in die gewünschte Form gebracht. Die Schleifscheibe hat einer 120er Körnung und verursacht üble Riefen. Bei einer humaneren 240er Körnung wird die Nuss zu heiß und erhält Brandflecken, die äußerst schwer zu entfernen sind..
Ab dann wird für viele Stunden nur noch an der Polirette gearbeitet.
Ich lasse am Tellerschleifer immer einige Schalenelemente stehen, die teilweise ein bizarres Bild ergeben. Margit war es zu bizarr, sie wollte "weniger".
Also vorsichtig Schalenmaterial mit Artifexschleifscheiben abarbeiten. Gleichzeitig werden die groben Riefen, die der Tellerschleifer hinterlassen hat, abgetragen.
In Artifexschleischeiben sind die Schleifkörper in eine gummiähnliche Masse eingebettet. Ich arbeite zuerst mit einem 150er Korn, danach mit einem 250er. Aber auch hier hinterlassen die Schleifkörper Spuren, die beim Polieren sofort ins Auge springen würden.
Die anschließenden Schleifprozesse erfolgen dann mit Bear Tex Schleifvlies MD und danach mit Schleifvlies HD. Hierbei müssen wirklich alle Riefen und Kratzer verschwunden sein, sonst heißt es nacharbeiten.
Jetzt erfolgen die ersten Polierarbeiten mit einer Wollschwabbel und weißer Polierpaste.
Ist das Ergebnis zufriedenstellend, erfolgt die Endpolitur mit einer Flanellscheibe und roter Polierpaste (üblicherweise benutzt für Spiegelglanz bei Gold und Platin).
Jetzt schneide ich aus aufgesägten Nüssen das Element für den Kettenverschluss, der dann denselben Fertigungsprozess durchläuft, wie die Nuss selbst. Links im Bild sieht man deutlich die vom Tellerschleifer hinterlassenen Riefen.
Jede Nuss hat am oberen Ende ein exakt 6mm großes und ca. 4 mm tiefes Loch, das meist völlig symetrisch sitzt. Ich vermute, dass in diesem Loch so etwas ähnliches wie eine "Nabelschnur" gesessen haben muss. Dieses Loch wird dann auf der Standbohrmaschine mit einem M6 Bohrer auf 2 cm Tiefe aufgebohrt.
Auf der Suche nach Lederschnüren in der Stärke von 6 mm stieß ich auf alte Nähmaschinentreibriemen, die sich hervorragend als Aufhänger eignen. Hierdurch entsteht der Eindruck, als hinge die Nuss noch am Stiel.
Der Riemen wurde auf eine Länge von 7 cm geschnitten und das obere Ende mit Schleifflies gerundet. Danach -eine heikle Aufgabe- muss noch ein 3mm starkes Querloch zur Aufnahme der Lederschnur gebohrt werden. Da geht so mancher Versuch daneben, da der Bohrer wegrutscht oder die Mitte nicht exakt getroffen wurde.
Dann heißt es wegschmeißen und neu machen.
Zukünftig werde ich erst das Querloch bohren und danach die Schnur auf Länge schneiden. Dann habe ich max. 1 cm Schnur verloren.

Danach erfolgte die Färbung mit Lederfarbe in Mahagoni.
Der Stengel wird mit Epoxydharz im Bohrloch verklebt. Der Kettenverschluss erhielt noch zwei 3mm starke Löcher zur Aufnahme der Lederschnur. Der Glanz und die Haptik sind einfach traumhaft.
Der Aufwand hat sich mal wieder gelohnt. Dir, liebe Margit, viel viel Freude mit dem guten Stück (ich meine natürlich nicht den Franz).
Jetzt fehlt nur noch der Ring.
Fertiggestellt im September 2012
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