Hoffnungsthaler Messerwerkstatt
Hoffnungsthaler Messerwerkstatt
Narwal an Damast

Alles an diesem Messer hatte seinen Ursprung am 4. und 5. Mai 2013 im Deutschen Klingenmuseum in Solingen

Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine Dolchklinge in Federdamast, geschmiedet von einem der besten Damastschmiede Deutschlands, von Uwe Heieck (www.messergarage.de).

Von Uwe besitze ich bereits mein "Schneideisen an Oosik", seitdem halten wir engen Kontakt.

Beim Federdamast handelt es sich um eine der höchsten Schmiededisziplinen, bei denen das schlussgeschmiedete Paket der Länge nach noch einmmal durchgeschmiedet wird. Durch die dabei entstehende Materialverdrängung ergibt sich die wunderschöne Federzeichnung.
Gut zu erkennen: die feine Federzeichnung. Der provisorische Griff ist aus Sambarhirsch, den ich Uwe mittlerweile zurückgeschickt habe.
Die Suche nach geeignetem Griffmaterial gestaltete sich zunächst äußerst schwierig. Zwar war das Angebot ziemlich groß, was Griffschalenpärchen betraf, nur mein Dolch verlangte nach einer runden und geschlossenen Einheit, die zudem noch, aus symmetrischen Gründen, möglichst gerade zu sein hatte.

Auswahl verschiedener Griffmaterialien an nur einem Stand.
An meinen seit Jahren gehegten Traum, nachdem ich einmal ein Messer von Heinrich Schmidbauer ( www.schmidbauer-messer.de) gesehen hatte, wagte ich nicht zu glauben, einem Stück Narwal.

Hierbei handelt es sich um den Stoßzahn des nur im arktischen Ozean beheimateten und im Packeis lebenden Narwal, der unter extremstem Artenschutz lebt und nur nach strengen Regeln von den Inuit bejagd werden darf.
Mir schlug, nach dem gefühlten 100sten Stand, das Herz zum Halse raus.
Da stand es wirklich, ein wunderschönes elfenbeinfarbiges kerzengerade gewachsenes Stück von makelloser Schönheit. Meine Frau und meine Freunde versuchten mich zum Handeln zu bewegen, aber dazu war ich nicht mehr in der Lage.
Gut zu erkennen, der natürliche Drall des Zahnes. Zur Legitimierung gab es eine Cites Bescheinigung dazu, da der Erwerb ansonsten nicht erlaubt gewesen wäre.
Der Händler kam aus Dänemark und eine Verständigung über das "wie und wo" war leider nicht möglich (www.mermaid-knives.com).
Jetzt hatte ich also Klinge und Griff, fehlte nur noch Material für Knauf und Zwinge. Ich beschloss, bei Damast zu bleiben und kaufte bei Uwe noch zwei Damastplatten.
Irgendwie sah das alles nicht aus. Die Klinge stand verloren im Griff, die Proportionen stimmten nicht.
Ich baute mir ein Holzmodell und schliff solange herum, bis sich ein stimmiges Bild ergab. Statt Zwinge entwarf ich eine kleine Parierstange, da dies bei historischen Dolchen sowohl üblich als auch zweckmäßig war, zum Schutz der Finger vor der zweischneidigen Klinge.
Auf den Erl schweißte ich eine M 4 Schraube, die Gewindehülse wurde auf der Kopfplatte hartverlötet. Damit die schlußbehandelte Klinge keinen Schaden nahm, steckte ich sie beim Schweißvorgang in einen dicken Apfel um so eine Überhitzung zu vermeiden.
Der nächste Arbeitsschritt war das passgenaue Ausarbeiten der Erlmaße in das spätere Parierelement. Da ich nur zwei Damastplatten hatte, wollte ich kein Risiko eingehen.
Bei Horst Wifling, Sauerbruchstr. 118 in 51375 Leverkusen (0214 79111) ließ ich im Erodierungsverfahren das Stück entfernen. Dieses Verfahren arbeitet absolut toleranzfrei und sorgt für einen perfekten Sitz. Es war fanzinierend, bei der Einrichtung der Maschine und dem Erodierungsvorgang zuschauen zu dürfen.
Im folgenden Bild sieht man die eingespannte Damastplatte, in die mittig ein 0,5 mm Loch gebohrt wurde. Dieses Loch dient der Aufnahme des Erodierungsdrahtes aus Messing mit einem Durchmesser von nur 0,25 mm.
Dieser Draht ist positiv geladen, das Werkstück negativ. Der Prozess findet in einem Becken mit deionisiertem Wasser statt. Nähert sich der Draht dem Werkstück, bildet sich ein elektrisches Feld, in dem positive und negative Ionen stark beschleunigt werden und dadurch Material abtragen.
Die Erlmaße wurden zuvor in einen Computer eingegeben.
Unten im Bild sieht man die von mir schon in Form gebrachte Platte mit der Erlaufnahme. Am oberen Rand sieht man das herauserodierte Stück.
Bereits auf der Griffseite hin ausgearbeitetes Filework. Wieder am oberen Rand das herauserodierte Stück.
Passt super, nach merhrmaligem Anpassen der Schultern.
Der Narwalgriff wurde entsprechend dem Holzmodel vorsichtig in Form gebracht und passt sich schon dem Parierelement an. Da beim Verjüngungsprozeß die Drillstruktur litt, habe ich diese behutsam nachgeschliffen.
Erl mit angeschweißter Gewindestange saßen nicht mittig und mußten umgeschmiedet werden. Ferner schliff ich die Gewindestange von zwei Seiten flach, da diese dicker war als der Erlschlitz in der Parierstange.
Die noch viereckige Kopfplatte habe ich am Bandschleifer grob in Form gebracht, danach immer wieder angepasst um mich langsam der Griffstruktur zu nähern. Bei schönem Wetter brachte ich auf dem Hof mit einem Diamantfeilensatz ein zur Griffseite hingewandtes Filework aus Kerben und Mulden an. Ich mußte mehrere Schablonen anfertigen, da die Mulden jeweils die Verlängerung der Griffkerben im Zahn darstellen sollten.
Hunderte von Malen aufschrauben, korrigieren, abschrauben.
Der Anpassungsprozeß ist fast abgeschlossen. Nur noch geringfügige Korrekturen erforderlich. Das Messer steckt in einem selbstgebauten Messerhalter, der Griff wirkt etwas überdimensioniert, was allerdings an der Aufnahme liegt. Die beiden Fileworks liegen sich jetzt gegenüber.
Beide Teile mit Aceton gereinigt und zum Ätzen, natürlich an der frischen Luft, vorbereitet. Jetzt deutlich zu sehen, dass Damast allenthalben geahnt werden kann. Erst durch "herausfressen" der weicheren Stahlanteile wird Damast optisch wie haptisch wahrnehmbar.
37 %ige Schwefelsäure wird in einem säurefesten Behältnis, hier in einer emaillerten Kaffetasse, vorsichtig auf 60 Grad erhitzt. Die zu ätzenden Teile werden nun 7 - 10 Minuten in das Bad eingelassen und zwischendurch ständig kontrolliert, inwieweit die gewünschte Ätztiefe erreicht ist. Stimmt das Ergebnis, werden die Teile in klarem Wasser neutralisiert und mit Natron nachbehandelt.
Die Teile sind nun unansehlich grau und rauh und müssen mit Schleifleinen der Körnung 800 - 1000 von den Schlacken befreit und auf Glanz gebracht werden. Da die Ätzung tiefer als gewünscht wurde, habe ich die tieferen Strukturen mit meinem Dremel und einem feinen Drahtbürstenaufsatz nachpoliert.
Jetzt noch alle Teile zusammenfügen, den Nervenkanal mit Epoxydharz verfüllen und die Kopfplatte verschrauben und verkleben. Ich bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Das Messer liegt auf zwei Rochenhäuten, aus denen ich die Scheide bauen werde. Obwohl meeresbiologisch kaum verwandt, kann ich mir für mein "Narwal an Damast" kein besseres Scheidenmaterial vorstellen, nachdem ich wochenlang völlig ergebnislos weltweit Narwalhaut gesucht hatte. Besonderen Dank an dieser Stelle an Herrn Rausch vom Lederzentrum in Rosdorf bei Göttingen, der mich bei meiner Suche beraten und unterstützt hat (www.leder-info.de).
Auf dieser Seite sind mittlerweile einige Arbeiten von mir veröffentlicht (Suchbegriff "Waffen").
Ich beschloss, die Scheide in einer bisher von mir noch nicht verwandten Rahmentechnik zu bauen. Mit einer Silbermine zeichnete ich die Klingenform auf englisches Sattelleder und gab einen Zentimeter zu.
Komplett ausgeschnitten ergibt das den Rahmen für die spätere Scheide.
Der Rahmen wurde vollflächig mit dem Sattelleder verklebt. Da die Scheide nur die Klinge bedecken sollte, musste, wie zuvor schon beim "Moneta Romana" ein Magnet eingearbeitet werden. Mit einem Schleifrad in entsprechender Größe fräste ich in Magnetstärke eine entsprechende Aussparung.
Nach Einkleben des Magneten wurde dann der innere Bereich, zum Schutz der Klinge, mit Ziegenvelours verklebt.
Die Scheide wurde jetzt mit einem weiteren Stück Leder und einer Ziegenvelourseinlage vollflächig verschlossen. Zum Glück hatte ich vorher ausprobiert, ob sich die Rochenhaut mit einem Abstandsschneider oder Pickrad bearbeiten lässt. Das war jedoch wegen der Härte und der Körnung nicht möglich. Also musste ich den Nahtkanal, die Abstandsmarkierungen sowie die Stichlöcher zunächst in das Sattelleder einarbeiten.
Jetzt besteht die Scheide schon aus fünf Lagen.
Damit ich die Rückenpastille auch wirklich mittig platziert bekam, fertigte ich mir eine durchsichtige Schablone an.
Jetzt erst konnte ich so zuschneiden, dass ein perfekter Sitz gewährleistet war.
Die Breite und Höhe stimmen bereits, die restliche Anpassung erfolgt nach dem Verkleben. Zunächst gab es jedoch noch Fleißarbeit: Rochen einseitig aufkleben, dann an der Ständerbohrmaschine mit einer Korkunterlage die 1,5 mm starken Löcher im Sattelleder durch die Rochenhaut bohren. Danach die andere Seite aufkleben und den Bohrvorgang gegenläufig wiederholen.
Bei 48 Löchern ergab das dann lockere 144 Bohrvorgänge.
Die Randversäuberung erfolgte am Bandschleifer, die Faserverdichtung durch Reiben mit Knochen. Nach einigen misslungenen Versuchen mit diversen schwarzen Zwirnen entschied ich mich für schwarzen Pechdraht, da dieser sich mit einem Gummihammer zwischen die Körnung treiben ließ.
Der Pechdraht klebte scheußlich, roch aber hervorragend.
Das Werk ist vollbracht. Pastille und Narwal haben die gleiche Farbe.
Hoffnungsthal, im Juli 2013
Foto von Markus Luhr für die Kölnische Rundschau im Oktober 2013.
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